Wien (OTS) – Das Österreichische Onkologie Forum hat aufgezeigt, dass
ein
strukturiertes Prostata-Screening nicht nur medizinisch besser und
fairer, sondern auch kostengünstiger wäre und Ressourcen dorthin
lenken würde, wo sie wirken. Dafür braucht es klare Pfade und
gesundheitspolitische Entscheidungen.
Das Österreichische Onkologie Forum beleuchtet Herausforderungen
und erarbeitet Verbesserungsvorschläge für die onkologische
Versorgungslage in Österreich. Das Format wird von der
Österreichischen Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische
Onkologie (OeGHO) als Thinktank in interdisziplinärer Form
organisiert. Aktuell stand das Prostatakarzinom im Zentrum. Priv.-
Doz.in Dr.in Kathrin Strasser-Weippl, Medizinische Leiterin der
OeGHO, zeigt eine Reihe positiver Entwicklungen in dieser Indikation
auf: „Es gibt kaum Wartezeiten auf Therapien. Die Zusammenarbeit
zwischen Spital und Niederlassung funktioniert ebenso gut wie die
Nachsorge und die stationäre Rehabilitation. Auch der Ausbau der
Palliativbetten ist auf einem erfreulichen Weg.“ Dennoch ist die
Botschaft der Expertinnen und Experten klar: Österreich braucht den
Sprung von der zufälligen Prostatakarzinom-Vorsorge hin zu einem
strukturierten, gegebenenfalls einladungsbasierten Screening. „Ein
klarer diagnostischer Pfad, die flächendeckende Qualitätssicherung
und eine verlässliche Datengrundlage sind zentrale Voraussetzungen
dafür“, bringt es Strasser-Weippl auf den Punkt.
Zwtl.: Ungezieltes Screening erreicht nicht die richtigen Patienten
Vertreterinnen und Vertreter medizinischer Fachgesellschaften,
der Österreichischen Krebshilfe, der Sozialversicherungen und der
Gesundheit Österreich (GÖG) skizzierten konkrete Schritte für
versorgungsrelevante Verbesserungen. „Aktuell werden viele PSA-Tests
durchgeführt, aber häufig bei der falschen Zielgruppe, wie z.B. bei
Männern über 80 Jahren, während jene, die am meisten profitieren
würden, wie z.B. Männer im Alter zwischen 45 und 70 Jahren, zu selten
erreicht werden“, beschreibt Univ.-Prof. Dr. Shahrokh Shariat, Leiter
der Universitätsklinik für Urologie am AKH Wien und des Comprehensive
Cancer Center (CCC) der MedUni Wien sowie Präsident der
Österreichischen Gesellschaft für Urologie und Andrologie, die
Herausforderungen.
Rund 40 Prozent aller über 80-Jährigen erhalten einen PSA-Test,
das ist nicht die Kernzielgruppe. Diese Schieflage führt zu teuren
Überdiagnosen und Fehlsteuerungen anstelle zielgerichteter
Prävention. Shariat fordert daher ein organisiertes, idealerweise
einladungsbasiertes Programm mit klaren Alters- und
Intervallkriterien, das auch ökonomische Vorteile hätte.
Die Vertreterinnen und Vertreter der urologischen und
onkologischen Fachgesellschaften plädieren für einen akkordierten
Vorschlag an die Sozialversicherung, eingebettet in den EU-Rahmen:
ein klar strukturiertes Früherkennungsverfahren nach dem Vorbild des
Mammografie-Screenings. Ein von Fachgesellschaften ausgearbeiteter
Früherkennungspfad soll im ersten Quartal 2026 präsentiert werden.
Die Vertreterinnen und Vertreter der Sozialversicherungen
signalisieren Kooperationsbereitschaft, betonen aber auch die
Verantwortung im Umgang mit Beitragsgeldern: „Neue Leistungen
brauchen eine klare Indikation, Priorisierung und Integration in
bestehende Strukturen“, sagt Dr. Arno Melitopulos, Leiter der
Abteilung Versorgungsmanagement in der Österreichischen
Gesundheitskasse (ÖGK).
Zwtl.: Diagnostik erfährt Modernisierungsschub
Die Diagnostik inkludiert heute eine MRT-gestützte Abklärung.
„Damit können Biopsien vermieden und relevante Tumoren besser
gefunden werden“, schließen sich auch der Urologe Prim. Priv.-Doz.
Dr. Anton Ponholzer und die Urologin Dr.in Nike Morakis an. Während
früher ultraschallgeführte Biopsien von niedergelassenen
Fachärztinnen und -ärzten durchgeführt wurden, sind Fusionsbiopsien
nun aufwendiger, und die Refundierung bildet das nicht ab. „Es kommt
zu einer unnötigen Verlagerung ins Spital und damit zu langen
Wartezeiten und Ressourcenengpässen an den urologischen Ambulanzen,
sagt Strasser-Weippl. Extramural durchgeführte Fusionsbiopsien müssen
daher kostendeckend vergütet werden, um den diagnostischen Pfad zu
entlasten. Auch hier fordern die Expertinnen und Experten eine
vorausschauende Kapazitätsplanung ein, denn Geräte, Räume und
Personal werden angesichts der Bevölkerungsentwicklung immer knapper.
Zwtl.: Unzureichende nuklearmedizinische Infrastruktur
Die Nuklearmedizin ist ein wesentlicher Bestandteil der
integrierten Versorgung von Patienten mit Prostatakrebs, es mangelt
jedoch an Kapazitäten in diesem Bereich in Österreich. PSMA-PET-Scans
sind unerlässlich, um bei Hochrisikopatienten Metastasen abzuklären.
Behandler:innen beklagen jedoch zu lange Wartezeiten für diese Art
der Bildgebung. Was nuklearmedizinische Therapien betrifft, ist die
Radioligandentherapie, die laut neuesten Studien ein weltweiter
Behandlungsstandard ist, in vielen Regionen Österreichs aufgrund
mangelnder struktureller und personeller Ressourcen nur beschränkt
zugänglich.
Zwtl.: Kommunikation entscheidend
Rund 7.500 Männer in Österreich werden jährlich mit der
Erkrankung diagnostiziert. Nicht jeder, der diese Diagnose erhält,
braucht auch eine Therapie – relevant ist, die Richtigen rechtzeitig
zu erkennen und entsprechend zu behandeln. Gezielte Früherkennung
scheint aber auch ein Kommunikationsproblem zu sein: „Männer
überhaupt zu einem Arztbesuch zu bringen, ist schon eine
Herausforderung, dann auch noch eine bestimmte Zielgruppe ist noch
einmal eine Hürde“, beschreibt Mag.a Martina Löwe, Geschäftsführerin
der Österreichischen Krebshilfe, eine ganz praktische
Herausforderung. Sie wünscht sich dazu eine abgestimmte
Kommunikation: „Nur wenn wir alle die gleiche Sprache sprechen und
ein Ziel verfolgen, sind wir erfolgreich.“
Die Sozialversicherung der Selbständigen (SVS) setzte für ihre
Versicherten bereits Anreize zur Teilnahme an Programmen zur
Krebsvorsorge. „Der Prostata-Check wird Männern ab 45 Jahren und für
Risikogruppen ab 40 empfohlen und auch mit 100 Euro als Anreiz
unterstützt“, sagt Peter Lehner, Obmann der SVS. Doch auch er ortet
Schwierigkeiten, die passende Zielgruppe anzusprechen und zu
motivieren: „Die Inanspruchnahme liegt mit rund fünf Prozent deutlich
unter dem Darmkrebsvorsorgeangebot mit rund 20 Prozent.“
Zwtl.: Lücken rasch schließen
Österreich verfügt über ein nationales Screening-Komitee für
Krebserkrankungen (NSK), ein wissenschaftliches Beratungsgremium des
Gesundheitsministeriums für bevölkerungsbezogene Krebs-Früherkennung.
Es entwickelt evidenzbasierte Empfehlungen und unterstützt die
Implementierung, Qualitätssicherung und Evaluation organisierter
Screening-Programme. Obwohl das Prostatakarzinom zu den häufigste
Krebserkrankungen zählt, steht es noch nicht auf der Arbeitsliste des
NSK. Für Prim. Univ.-Prof. Dr. Ewald Wöll, Präsident der OeGHO, ist
das aber kein Grund, untätig zu bleiben: „Fachgruppen können
interdisziplinär dennoch einen Vorschlag ausarbeiten, der ausreichend
Gewicht im Gesundheitssystem hat und zu den Hausärztinnen und
Hausärzten gebracht werden kann, die damit ihre Patientinnen und
Patienten strukturiert der Vorsorge zuführen können.“
Ein blinder Fleck ist – wie häufig im Gesundheitswesen – auch
beim Prostatakarzinom die Datenlage. Verbesserung bringt die
verpflichtende ambulante Kodierung, die ab 2026 in die
Regelversorgung kommen wird. Bis dahin sind die vorliegenden Zahlen
mit großer Unsicherheit behaftet. Die Register- und Outcome-
Transparenz ist jedoch Voraussetzung für die Steuerung, die Planung
und die Qualitätssicherung im System.