E-Bike: Trainingsgerät oder vertane Chance?

Wien/Salzburg (OTS) – E-Bikes bringen immer mehr Menschen aufs
Fahrrad. Aus
gesundheitlicher Sicht ist das grundsätzlich erfreulich, vor allem
dann, wenn das E-Bike das Auto oder andere passive Formen der
Fortbewegung ersetzt. Als Ersatz für körperliches Training sieht der
Salzburger Kardiologe und Sportmediziner Univ.-Prof. Josef Niebauer
das E-Bike allerdings kritisch.

„Wir leben in einer Pandemie der körperlichen Inaktivität mit all
ihren gesundheitlichen Folgen. Deshalb gilt zunächst: Jeder Schritt
ist ein guter Schritt und jeder geradelte Kilometer ein guter
Kilometer“, sagt Niebauer, Leiter des Universitätsinstituts für
Sportmedizin am Uniklinikum Salzburg. Gerade untrainierte Menschen
profitieren von nahezu jeder zusätzlichen Bewegung.

Zwtl.: Wenn der Motor die Anstrengung übernimmt

Entscheidend sei jedoch, wie ein E-Bike eingesetzt werde. „Wenn
ich mich selbst körperlich fordere und den Motor nur zur Hilfe nehme,
um beispielsweise einen Hügel hinaufzukommen, den ich sonst nicht
bewältigen würde, dann kann das E-Bike Bewegung ermöglichen, die
sonst vielleicht nicht stattfinden würde“, so Niebauer.

Kritisch sieht Niebauer hingegen, wenn die Motorunterstützung vor
allem dazu genutzt wird, körperliche Anstrengung zu vermeiden. „Das E
-Bike sollte nicht zum Motorrad werden. Wer einen Trainingseffekt
erzielen möchte, muss sein Herz-Kreislauf-System auch fordern“,
betont Niebauer.

Zwtl.: „So wenig Motor wie möglich, so viel wie unbedingt nötig.“

Wer körperlich dazu in der Lage ist und bewusst etwas für seine
Fitness tun möchte, dem empfiehlt Niebauer weiterhin das klassische
Fahrrad. Wer zum E-Bike greift, sollte die Unterstützung möglichst
bewusst dosieren.

„Wie viel Unterstützung der Motor gibt, hat jeder selbst in der
Hand. Meine Empfehlung lautet daher: So wenig Motor wie möglich und
so viel wie unbedingt nötig“, sagt Niebauer.

Die positive Seite des E-Bikes will der Sportmediziner dennoch
ausdrücklich nicht kleinreden. Für untrainierte oder ältere Menschen,
bei körperlichen Einschränkungen oder wenn dadurch das Auto stehen
bleibt, kann die elektrische Unterstützung eine wertvolle Hilfe sein.
Auch E-Bike-Fahren ist schließlich Bewegung und deutlich besser als
keine Bewegung.

„Aber wir dürfen uns nicht vormachen, dass viele Kilometer auf
dem E-Bike automatisch gutes Herz-Kreislauf-Training bedeuten“, warnt
Niebauer. „Wer sich körperlich nicht ausreichend fordert, verschenkt
einen wesentlichen Teil des möglichen gesundheitlichen Effekts, denn
v.a. Belastungen im moderaten und gerne auch intensiven Bereich gehen
mit mehr gesunden Lebensjahren und einer höheren Lebenserwartung
einher“.

Zwtl.: Helm auf – bei jeder Fahrt

Neben ausreichender körperlicher Belastung gehört für Niebauer
auch die Sicherheit zum gesunden Radfahren. Ein Fahrradhelm sollte
bei jeder Fahrt selbstverständlich sein, egal ob auf dem klassischen
Fahrrad oder dem E-Bike. Geschwindigkeit und Fahrweise sollten dem
eigenen Können angepasst und geeignete Kleidung sowie festes
Schuhwerk getragen werden.

Wer nun im Herbst wieder mehr radelt – ganz gleich ob mit Bio-
oder E-Bike – und sich seiner gesundheitlichen Belastbarkeit nicht
sicher ist, sollte zuvor seinen behandelnden Arzt oder einen
Sportmediziner konsultieren. So kann das Radfahren auch tatsächlich
den gesundheitlichen Nutzen entfalten, den es bieten kann.

Experteninformation
Prim. Univ.-Prof. Dr. Dr. Josef Niebauer, MBA ist Facharzt für Innere
Medizin und Kardiologie sowie Sportmediziner. Er leitet das
Universitätsinstitut für Sportmedizin am Uniklinikum Salzburg und
beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit Prävention, Rehabilitation,
Sportkardiologie und den Auswirkungen körperlicher Aktivität auf das
Herz-Kreislauf-System.