Wien (PK) – Informierte Bürgerinnen und Bürger sind Grundlage einer
funktionierenden Demokratie. Politische Teilhabe setzt das Wissen
darüber voraus, worüber auf welcher Faktenbasis entschieden wird, um
unterschiedliche Positionen einordnen und sich ein eigenes Urteil
bilden zu können. Die Bedingungen, unter denen dieses Wissen
entsteht, haben sich grundlegend verändert. Politische Information
zirkuliert heute in einer kaum überschaubaren Vielzahl medialer
Räume, in denen sich Nachrichten, Unterhaltung, Werbung, persönliche
Kommunikation und Selbstdarstellung überlagern. Damit stellt sich
nicht nur die Frage, welchen Informationen Menschen vertrauen können,
sondern auch, ob unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen noch über
dieselben Ereignisse sprechen und ihre Urteile auf einen gemeinsamen
Wirklichkeitsbezug gründen.
Diese Entwicklung betrifft die Gesellschaft als Ganzes,
Jugendliche aber in besonderem Maße. Während ältere Generationen
zumindest noch über Erfahrungen mit den klassischen Massenmedien als
zentrale Informations- und Sozialisationsinstanzen verfügen, wachsen
junge Menschen von Beginn an in einer fragmentierten und zunehmend
personalisierten Öffentlichkeit auf. Dort suchen sie nicht nur nach
Information und politischer Orientierung, sondern auch nach
Anerkennung, Zugehörigkeit und Deutungsmustern für die eigene
Identität. Die Bezeichnung „Digital Natives“ kann dabei darüber
hinwegtäuschen, dass technische Vertrautheit nicht automatisch
Medienmündigkeit bedeutet. Die Parlamentskorrespondenz geht im Rahmen
des Jahresschwerpunkts „teilhaben teilsein“ der Frage nach, wie die
digitale Medienwelt politische Teilhabe und gesellschaftliche
Öffentlichkeit verändert – und was diese Entwicklung gerade für junge
Menschen bedeutet.
Nachrichten zwischen Unterhaltung und Nebenbei-Konsum
Das Smartphone ist für Jugendliche Kommunikationsmittel,
Unterhaltungszentrum und Nachrichtenkanal zugleich. Wie viel Raum es
in ihrem Alltag einnimmt, wurde für Österreich im Rahmen der „mental
health days“-Studie 2025 erhoben. Demnach verbrachten die mehr als
8.000 befragten Schülerinnen, Schüler und Lehrlinge täglich im
Schnitt 190 Minuten am Smartphone. Die vom österreichischen Parlament
beauftragte Studie „Junge Menschen & Demokratie 2025“ des FORESIGHT-
Instituts zeigt, wie rasch soziale Medien zum politischen
Informationskanal geworden sind. 69 % der 16- bis 26-Jährigen
informierten sich dort zumindest einmal pro Woche über Politik. 2018
waren es erst 30 %. Mit 72 % war Instagram unter den jungen Menschen,
die soziale Medien zumindest selten als politische Informationsquelle
nutzten, die wichtigste Plattform, gefolgt von TikTok mit 37 %.
Die Plattformen ersetzen andere Medien jedoch nicht vollständig.
Von jenen, die soziale Medien oder KI-Chatbots zur politischen
Information nutzten, griffen 78 % zusätzlich auf Tageszeitungen,
Fernsehen oder Radio zurück. Auffällig ist dabei die Kluft zwischen
Reichweite und Glaubwürdigkeit. Während rund drei Viertel der
Nutzerinnen und Nutzer von Tageszeitungen, Fernsehen oder Radio dem
jeweiligen Medium vertrauten, brachte nur ein Fünftel der Nutzerinnen
und Nutzer sozialen Medien Vertrauen entgegen. Der Nachrichtenkontakt
verlagert sich somit ausgerechnet in jene Räume, denen junge Menschen
selbst nur eingeschränkt Glaubwürdigkeit zuschreiben.
Nachrichten begegnen ihnen dort häufig nicht als abgegrenztes
Angebot, sondern im selben Feed wie Musik, Memes, Werbung, private
Beiträge und kurze Videos. Politische Information wird damit weniger
gezielt gesucht, sondern vielfach nebenbei aufgenommen. Auf
internationaler Ebene beschreibt das Reuters Institute diesen Wandel
als Übergang von „online first“ zu „social first“: 2015 nannten 21 %
der 18- bis 24-Jährigen soziale Medien als wichtigste
Nachrichtenquelle, 2025 waren es 39 %. Nachrichtenwebsites und -Apps
verloren im selben Zeitraum an Bedeutung. Auf Plattformen orientieren
sich junge Menschen zudem stärker an einzelnen Personen als an
Medienmarken. Dieser Wandel verändert auch die Form der Nachricht.
Information muss im Strom konkurrierender Inhalte rasch erkennbar,
emotional anschlussfähig und leicht teilbar sein. Das kann Zugänge zu
politischen Themen öffnen, schwächt aber die direkte Bindung an jene
Redaktionen, die Informationen recherchieren, prüfen und einordnen.
Dass sich junge Menschen seltener bewusst klassischen
Nachrichtenangeboten zuwenden, bedeutet dabei nicht, dass sie von der
Welt abgekoppelt sind. Ihr Informationsbegriff ist breiter, ihr
Nachrichtenkontakt vielfältiger, aber auch flüchtiger.
Darin zeigt sich eine grundlegende Ambivalenz der digitalen
Medienrevolution: Sie hat den Zugang zu Information erleichtert, aber
zugleich jene Strukturen geschwächt, die Informationen auswählten,
überprüften und zu einer gemeinsamen Öffentlichkeit bündelten.
Digitale Demokratisierung mit Nebenwirkungen
Mit dem Internet verband sich lange die Hoffnung, dass der Zugang
zu Wissen niederschwelliger und damit auch die Hürden für die
Teilnahme am öffentlichen Diskurs sinken würden. Aus passiven
Medienkonsumentinnen und -konsumenten sollten selbstbewusste
Teilnehmerinnen und Teilnehmer an gesellschaftlichen Debatten werden.
So erwartete der US-amerikanische Sozialwissenschaftler Howard
Rheingold in seinem 1993 erschienenen Buch „The Virtual Community:
Homesteading on the Electronic Frontier“, dass digitale
Gemeinschaften neue Formen gesellschaftlicher Selbstorganisation und
demokratischer Beteiligung hervorbringen könnten. Der französische
Philosoph Pierre Lévy entwarf 1994 in „L’Intelligence collective“ die
Vorstellung einer „kollektiven Intelligenz“, bei der das Wissen
vieler Menschen über digitale Netze zusammengeführt wird. 2001
beschrieb der spanische Soziologe Manuel Castells in „The Internet
Galaxy“, wie die horizontale Kommunikation im Netz etablierte Macht-
und Kommunikationshierarchien aufbrechen und neue Möglichkeiten
politischer Teilhabe eröffnen könne. Und in „The Wealth of Networks“
argumentiert der israelisch-amerikanische Rechtswissenschaftler
Yochai Benkler wiederum, dass eine „vernetzte Öffentlichkeit“
Bürgerinnen und Bürger unabhängiger von klassischen Medien und deren
Gatekeepern machen könne. Durch Blogs und andere Formen
partizipativer Kommunikation erhoffte er sich die Entwicklung einer
„kritischeren und selbstreflexiveren Kultur“.
Diese demokratischen Hoffnungen sind nicht verschwunden. Im
Gegenteil: In vielerlei Hinsicht haben sie sich erfüllt, insbesondere
mit Blick auf neue Formen politischer Mobilisierung. Der Arabische
Frühling zu Beginn der 2010er-Jahre, die #MeToo-Bewegung und Fridays
for Future: Wie auch immer man zu ihren Zielsetzungen, ihren Methoden
und letztendlichen Ergebnissen stehen mag, sie verdankten ihre
internationale Durchschlagskraft wesentlich den digitalen Medien und
Kommunikationskanälen. Diese ermöglichten es den Menschen, sich zu
organisieren, Erfahrungen öffentlich zu machen und klassische
Zugangshürden zu umgehen. Gruppen, die in etablierten Medien wenig
Gehör fanden, können heute eigene Öffentlichkeiten herstellen.
Politische Kommunikation wurde dadurch vielfältiger, unmittelbarer
und in vielen Bereichen tatsächlich partizipativer. Zudem standen
noch nie so viele Informationen so rasch, günstig und niederschwellig
zur Verfügung wie im digitalen Zeitalter.
Dennoch scheinen diese neuen demokratischen Möglichkeiten seit
einigen Jahren zugunsten der Schattenseiten der digitalen Medien in
den Hintergrund zu treten: Desinformation, algorithmisch erzeugte
Echokammern, gesellschaftliche Polarisierung und der Zerfall einer
gemeinsamen Öffentlichkeit. So lauten nur einige der
Symptombeschreibungen, die immer wieder in Zeitdiagnosen und
Kommentaren zirkulieren. Die gegenwärtigen Probleme könnten jedoch
weniger darauf zurückzuführen sein, dass die demokratischen
Versprechen des Internets unerfüllt geblieben wären, als vielmehr
darauf, dass sie sich zumindest teilweise erfüllt haben – allerdings
mit erheblichen Nebenwirkungen.
Das Ende der „Gatekeeper-Gemütlichkeit“
Auch der deutsche Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen zeichnet
in seinem 2018 erschienen Buch „Die große Gereiztheit“ den Weg von
der Utopie des Anfangs digitaler Kommunikationsmedien in die
„Dystopie des Diskurses“ nach. Er illustriert diese Entwicklung mit
dem Time Magazine, dass noch im Jahr 2006 den vernetzten Menschen als
Person des Jahres auszeichnete und die Gesellschaft an der Schwelle
zur digitalen Demokratie und einer Epoche der wechselseitigen
Unterstützung sah. Zehn Jahre später titelte es mit „Why we are
losing the internett to a culture of hate“ und zierte sein Cover mit
einem bösartig wirkenden Troll.
Pörksen spricht von einer „in die Tiefe reichenden Neusortierung
der Medien- und Machtverhältnisse“, einem „Interregnum der
Kommunikation“, in dem „Dokumente der Aufklärung und des Hasses,
seriöse Information und banale Narration“ gleichzeitig und nur einen
Klick voneinander entfernt in den sozialen Medien zirkulieren. Er
führt diese Entwicklungen unter anderem auf das Wegbrechen bzw. die
Schwächung der klassischen „Filter- und Sortierungsinstanzen“ zurück.
Die Zeit der „Gatekeeper-Gemütlichkeit“ sei vorbei und die
Deutungshoheit von Journalistinnen und Journalisten gebrochen. Diese
Öffnung des Diskurses ist laut Pörksen keineswegs pauschal zu
beklagen, da nun auch wertvolle und bisher zu Unrecht marginalisierte
Standpunkte sichtbar würden. Man müsse sich auch nicht die
Sanktionsmöglichkeiten zurückwünschen, die die Grenzen des Sagbaren
durch die „Sofortexklusion aus der Gemeinschaft der Wohlmeinenden
sichert“.
Dauerirritation und Wahrheitskrise
Das neue Kommunikations- und Informationsumfeld verändere aber
die Bewusstseinslage des vernetzten Menschen. Pörksen spricht
einerseits von einem „Zustand der Dauerirritation“, da an die Stelle
der klassischen Gatekeeper nun weitgehend unsichtbare Instanzen
getreten seien, die das, was öffentlich wirksam wird, mit Hilfe von
Algorithmen vorfiltert, die nach dem „Primat der Emotion“ und nicht
nach dem Informationswert organisiert seien. In der
„Empörungsdemokratie“ gelte – frei nach dem kanadischen
Medientheoretiker Marshall MacLuhan – das Motto: „Das Medium
radikalisiert die Botschaft“.
Andererseits konstatiert Pörksen eine „Wahrheitskrise“, in der
sich das Individuum in einem medientechnisch produzierten
Dauerzustand der Ungewissheit zurechtfinden müsse. Die alte
Medienwelt habe mit vergleichsweise mächtigen Gatekeepern eine Stütze
klassischer Wahrheitskonzepte dargestellt. Deren Schwächung erzeuge
eine allgemeine informationelle Verunsicherung bis hin zur Angst vor
einer „Totalimplosion realer Bezüge“ – die aktuellen Entwicklungen
auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz verleihen dieser Angst
noch eine neue technische Plausibilität. Der Regisseur Werner Herzog
plädiert vor diesem Hintergrund in seinem Buch „Die Zukunft der
Wahrheit“ sogar für eine Umkehr der Unschuldsvermutung und die
prinzipielle Annahme von „Manipulation, Propaganda und Lüge. Dies
scheint mir die einzig richtige Haltung mit Fake News umzugehen“.
Diese Haltung des „Totalzweifels“ führte Pörksen bei einer Keynote im
österreichischen Parlament im Juni 2026 auf ein „betäubtes
Wahrheitsempfinden“ in Folge einer „elementaren Deregulierung des
Wahrheitsmarktes“ zurück (siehe PK 594/2026 ).
In „Die Realität der Massenmedien“ erklärte der Soziologe Niklas
Luhmann 1995, „was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in
der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien“. Laut
seinem Fachkollegen Armin Nassehi gelte das „buchstäblich für
‚alles'“ – auch für eigene konkrete Erfahrungen bis hin zu Gefühlen
und Stimmungen, die wir „mit Bildern und semantischen Formen
abgleichen, die wir aus den Medien kennen“, wie er in „Muster:
Theorie der digitalen Gesellschaft“ ausführt. Wenn dieser
Argumentation nur ansatzweise gefolgt wird, was bedeutet es dann,
wenn unter den neuen medialen Bedingungen letztlich der Einzelne
selbst nach Pörksen das einzig verbliebene „strukturierende Moment
der Öffentlichkeit“ darstellt und zum „Regisseur seiner
Welterfahrung“ wird?
Folgen für die Identitätsentwicklung
Eine Frage, die bereits erfahrene Medienkonsumentinnen und –
konsumenten vor erhebliche Herausforderungen stellt, die noch mit den
klassischen Massenmedien als zentraler Sozialisationsinstanz
aufgewachsen sind. Für Jugendliche ist sie umso drängender. In einer
fragmentierten Öffentlichkeit suchen sie nicht nur nach Informationen
oder politischer Orientierung, sondern auch nach Anerkennung,
Zugehörigkeit und Deutungsmustern für die eigene Erfahrung und
Selbsterfahrung, wie etwa Andreas Reckwitz in „Die Gesellschaft der
Singularitäten beschreibt. Der Medienwandel berührt damit zentrale
Prozesse der Identitätsentwicklung.
Welche Folgen diese tiefgreifende Veränderung für die psychische
Entwicklung junger Menschen hat, ist noch wenig erforscht. Einen viel
beachteten Erklärungsansatz legte der US-amerikanische
Sozialpsychologe Jonathan Haidt 2024 in „The Anxious Generation“ vor.
Er führt die zunehmenden psychischen Belastungen Jugendlicher
wesentlich auf den Übergang von einer spielbasierten zu einer
smartphonebasierten Kindheit zurück. Als zentrale Mechanismen nennt
er den Verlust unmittelbarer sozialer Erfahrungen, Schlafmangel, die
Fragmentierung der Aufmerksamkeit und suchtähnliche Nutzungsmuster.
Für diese Diagnose gibt es auch in Österreich empirische
Anhaltspunkte. So geht etwa laut der „mental-health-days“-Studie 2025
häufigere Nutzung sozialer Netzwerke mit mehr depressiven Symptomen
und geringerer Lebenszufriedenheit einher. Die Befunde erlauben
jedoch keine einfache Kausalerklärung, da psychische Belastungen
durch bestimmte Nutzungsmuster verstärkt werden können. Umgekehrt ist
ebenso denkbar, dass bereits belastete Jugendliche soziale Medien
anders oder intensiver nutzen. Korrelationen zwischen zunehmender
Plattformnutzung und psychischen Problemen belegen daher nicht
automatisch, dass das eine die Ursache des anderen ist.
Wer synchronisiert die Gesellschaft?
So grundlegend der gegenwärtige Medienwandel und seine
Auswirkungen erscheinen mögen, so vertraut klingen viele der
Befürchtungen, die ihn begleiten. Schon die klassischen Massenmedien
standen im Verdacht, die Wirklichkeit zu verzerren, ihr Publikum zu
manipulieren und den öffentlichen Diskurs zu verflachen. So spottete
Karl Kraus bereits 1909 in der Zeitschrift Die Fackel: „Keinen
Gedanken haben und ihn ausdrücken können – das macht den
Journalisten.“ Max Horkheimer und Theodor W. Adorno beschrieben die
klassischen Massenmedien 1944 im Kapitel „Kulturindustrie“ ihrer
„Dialektik der Aufklärung“ als ein System, in dem „alles mit
Ähnlichkeit“ geschlagen werde, weil die scheinbare Vielfalt der
Angebote letztlich immer gleichen Mustern und Verwertungslogiken
folge. Peter Sloterdijk sprach im Jahr 2000 in „Die Verachtung der
Massen“ noch vor der Etablierung sozialer Medien von einem
massenmedial erzeugten „Affektregime des entfalteten
Massennarzißmus“. Selbst die Erfahrung globaler Vernetzung und des
Zustands der „Dauerirritation“ wurde erstaunlich früh vorweggenommen.
Marshall McLuhan sah den Menschen bereits 1964 „von den Nerven der
gesamten Menschheit umgeben. Sie sind nach außen gewandert und bilden
eine elektrische Umwelt“, wie er in „Understanding Media: The
Extensions of Man“ ausführte.
Vor diesem Hintergrund sind auch die häufigen Warnungen des
klassischen Journalismus etwa vor „Fake News“ und „Hass im Netz“
differenziert zu betrachten. Desinformation, Einschüchterung und
digitale Hetze sind reale Gefahren für die demokratische
Öffentlichkeit, warnt etwa die UNESCO in ihren Leitlinien zur
Regulierung digitaler Plattformen. Zugleich scheint die Einseitigkeit
und Schärfe mancher Warnungen auch den Machtverlust jener
widerzuspiegeln, die lange darüber entschieden, welche Themen und
Stimmen öffentliche Aufmerksamkeit erhielten. Der französische
Soziologe Pierre Bourdieu beispielsweise erinnerte 1996 in „Über das
Fernsehen“ daran, dass journalistische Medien Wirklichkeit nicht nur
abbilden, sondern durch Auswahl und Gewichtung mit darüber
entscheiden, „wer und was sozial und politisch existiert“. Diese
exklusive Rolle als Gatekeeper haben Journalistinnen und Journalisten
verloren. Sie konkurrieren heute mit Plattformen, politischen
Akteurinnen und Akteuren, Influencerinnen und Influencern sowie ihrem
eigenen Publikum um Deutungsmacht. Die Kritik an den neuen
Kommunikationsverhältnissen ist daher mitunter auch die Kritik einer
Institution an ihrem eigenen Bedeutungsverlust. Das entwertet
journalistische Standards nicht. Im Gegenteil: Prüfung, Einordnung
und Verantwortlichkeit gewinnen unter den gegebenen
Informationsbedingungen an Relevanz und gehen nunmehr alle an –
Bernhard Pörksen plädiert daher für eine „redaktionelle
Gesellschaft“, in der diese Standards zu einem Element der
Allgemeinbildung werden sollen. Es relativiert aber die Vorstellung,
dass der entscheidende Unterschied darin liege, dass die klassische
Medienwelt objektiv und die neue manipulativ wären.
Was ist also wirklich neu? Bei aller Kritik erfüllten die
klassischen Massenmedien laut Armin Nassehi vor allem eine
Synchronisationsfunktion. Ihre gesellschaftliche Leistung bestehe
„weniger darin, Orientierung, Klarheit und Konsens zu vermitteln,
sondern einen Ort zu bieten, an dem so etwas wie politische
Überzeugungen repräsentiert werden können (…)“. Medien bildeten
nicht vornehmlich ab, was ist – das sei eher ein Nebeneffekt. Sie
„synchronisieren Unterschiedliches in Informationsform“, „erzählen
konsistente Geschichten über eine diskontinuierliche Welt“ und
machten sie damit „erzählbar“. Als Sozialisationsinstanz
synchronisierten die Massenmedien damit auch das Individuum mit einer
Welt, die weit über seinen unmittelbaren Erfahrungshorizont
hinausreichte. Zugleich ermöglichten sie der Gesellschaft laut
Nassehi eine Form der Selbsterfahrung: Sie machte sich über gemeinsam
wahrgenommene Themen ein Bild von sich selbst. Diese Öffentlichkeit
war weder neutral noch umfassend und führte keineswegs zu Konsens.
Sie schuf aber einen gemeinsamen Gegenwartsbezug, vor dessen
Hintergrund unterschiedliche Positionen als Positionen zu derselben
Wirklichkeit erkennbar wurden.
Genau diese Leistung können soziale Medien nur eingeschränkt
erbringen. Zwar synchronisieren auch sie ihre Nutzerinnen und Nutzer
– allerdings innerhalb algorithmisch zusammengesetzter
Teilöffentlichkeiten, die unterschiedlichen Themen, Erzählungen und
Erregungszyklen folgen. Der Philosoph Günther Anders bezeichnete den
Fernsehzuschauer 1956 in „Die Welt als Phantom und Matrize“ als
„Massen-Eremiten“: Millionen Menschen saßen voneinander getrennt vor
ihren Geräten, sahen aber weitgehend dieselben Bilder. Der heutige
Nutzer sitzt ebenfalls allein vor seinem Bildschirm, bekommt jedoch
eine eigens für ihn zusammengestellte Welt präsentiert. Jugendliche
wachsen daher nicht nur mit unterschiedlichen Meinungen, sondern
zunehmend in unterschiedlichen Wirklichkeitsausschnitten auf.
Damit berührt der Medienwandel eine zentrale Voraussetzung
demokratischer Öffentlichkeit. Hannah Arendt sah in „Elemente und
Ursprünge totaler Herrschaft“ in Vereinzelung, Entwurzelung und dem
Verlust einer gemeinsam geteilten Welt Bedingungen, unter denen
geschlossene Ideologien wirksam werden können. „Was moderne Menschen
so leicht in die totalitären Bewegungen jagt“, schrieb sie 1955, sei
„die allenthalben zunehmende Verlassenheit“. Auch Peter Sloterdijk
argumentiert in seinem jüngsten Werk „Der Fürst und seine Erben“ in
eine ähnliche Richtung: „Die Krise der Demokratie, die heute in aller
Munde ist, geht aus dem Kollaps des Glaubens an die Konvergenz der
einzelnen Vernünftigkeiten hervor“. Daraus führt keine direkte Linie
von sozialen Medien zum Totalitarismus. Diese Überlegungen machen
aber deutlich, dass Demokratie mehr benötigt als den freien Zugang zu
Informationen. Sie ist auf Bürgerinnen und Bürger angewiesen, die
sich trotz unterschiedlicher Erfahrungen als Angehörige einer
gemeinsamen Welt begreifen.
Vielleicht kommt dem Parlament in dieser fragmentierten
Öffentlichkeit deshalb eine Bedeutung zu, die über Gesetzgebung und
Kontrolle hinausgeht. Es ist einer der wenigen Orte, an denen
unterschiedliche gesellschaftliche Wirklichkeiten institutionell
aufeinandertreffen müssen. Regierung und Opposition, Mehrheiten und
Minderheiten bringen ihre Deutungen in ein gemeinsames, öffentlich
dokumentiertes Verfahren ein. Das Parlament kann die
Synchronisationsleistung der klassischen Massenmedien nicht ersetzen.
Es kann aber unterschiedliche Wahrnehmungen auf gemeinsame
Gegenstände beziehen und sichtbar machen, worüber eine Gesellschaft
streitet. In einer Medienwelt, die jedem Menschen eine andere
Gegenwart präsentiert, könnte es so einer jener Orte sein, an dem die
Gesellschaft nicht zu einer Meinung, wohl aber den Zugang zu einer
gemeinsamen Wirklichkeit zurückfindet. (Schluss) wit
HINWEIS: Unter dem Titel „teilhaben teilsein“ rückt das Parlament
die gesellschaftspolitische Teilhabe von jungen Menschen in den
Mittelpunkt. Mehr Informationen zum Jahresschwerpunkt 2026 finden Sie
unter www.parlament.gv.at/jahresschwerpunkt