Westliche Bevölkerung befürwortet Unterstützung der Ukraine

München (OTS) – München (ots)

– Neue Studie der LMU und der Universität Konstanz zeigt eine breite
Zustimmung der Bevölkerung in fünf Ländern für die Unterstützung der
Ukraine.

– Potenziell hohe Opferzahlen und Risiko nuklearer Eskalation
schränken Unterstützungsbereitschaft ein und fallen stärker ins
Gewicht als wirtschaftliche Kosten.

– Für die Studie wurden über 10.000 Menschen in fünf
Waffenexportstaaten der NATO befragt.

Die meisten Menschen in den USA, Großbritannien, Deutschland,
Frankreich und Italien befürworten die militärische Unterstützung der
Ukraine klar. Doch ihre Zustimmung hat Grenzen: Vor allem hohe
Opferzahlen für die Ukraine und die Gefahr einer nuklearen Eskalation
mindern den öffentlichen Rückhalt, während ökonomische Belastungen
von der Bevölkerung kaum berücksichtigt werden. Dies geht aus einem
an der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) angesiedelten
Projekt hervor, bei dem Forscher der LMU und der Universität Konstanz
erstmals Daten einer Befragung in den größten Waffenexportstaaten der
NATO vergleichen und deren Ergebnis aktuell in der Fachzeitschrift
Nature Communications erscheint. Die Befragung wurde zwischen Juni
und August 2023 durchgeführt.

Für die Studie, durchgeführt von Junior-Professor Lukas Rudolph
von der Universität Konstanz sowie Fabian Haggerty und Professor Paul
W. Thurner vom Geschwister-Scholl-Institut für Politikwissenschaft
der LMU München, wurden mehr als 10.000 Personen befragt. „Wir haben
untersucht, ob westliche Regierungen bei der Unterstützung der
Ukraine auf einen stabilen Rückhalt in der Bevölkerung zählen
können“, erklärt Paul W. Thurner, Inhaber des Lehrstuhls für
Empirische Politikforschung und Policy Analysis der LMU. Zentral war
dabei aber, wie Bürgerinnen und Bürger Abwägungen zwischen
moralischen, strategischen und wirtschaftlichen Kosten der Ukraine-
Unterstützung treffen.

Neues Studiendesign ermöglicht kausale Schlüsse wie im Labor

Grundlage der von der Deutschen Stiftung Friedensforschung
geförderten Untersuchung waren zwei Befragungsexperimente. Im ersten
wurden die Teilnehmenden gebeten, Kriegsszenarien und deren mögliche
Folgen zu bewerten – etwa militärische Verluste, territoriale
Zugeständnisse oder das Risiko einer nuklearen Eskalation. Im zweiten
Experiment ging es um die konkreten Folgen politischer Maßnahmen: Die
Befragten sollten etwa die Lieferung von Panzern, Kampfflugzeugen
oder Luftabwehrsystemen beurteilen und angeben, welche Konsequenzen
sie durch die jeweilige Form der Unterstützung erwarten – zum
Beispiel mehr menschliches Leid und materielle Zerstörung in der
Ukraine oder ein schnelleres Ende des Krieges.

„Diese Form von Survey-Experiment erlaubt es, kausale Schlüsse
wie im Labor zu ziehen“, sagt Thurner. „Anders als bei herkömmlichen
Umfragen stellen wir nicht nur die einfache Frage nach Zustimmung
oder Ablehnung, sondern simulieren genau jene komplexen Dilemma-
Situationen, vor denen auch politische Entscheidungsträger stehen
oder die wir tagtäglich in Talkshows diskutieren.“ So lässt sich
präzise messen, wie Menschen konkrete politische Optionen im Hinblick
auf abstrakte Kriegsverläufe gewichten – und was ihre Entscheidungen
dabei am stärksten beeinflusst.

„Die Ergebnisse zeigen, dass zwar die Mehrheit klar die
Unterstützung der Ukraine bejaht“, so Rudolph. „Zugleich aber
begrenzen mögliches menschliches Leid – vor allem hohe zivile
Opferzahlen auf ukrainischer Seite – die Zustimmung zu bestimmten
Militärstrategien.“ Auch das Risiko einer nuklearen Eskalation wiege
schwer. Finanzielle Belastungen, gemessen am Bruttoinlandsprodukt,
spielen dagegen eine „erstaunlich“ geringe Rolle, so Rudolph.

Ähnliche Muster in allen fünf Ländern

Während die Befragten in den fünf westlichen Ländern bei
humanitären Kosten, ökonomischen Belastungen und Eskalationsrisiken
nahezu identische Muster zeigen, variieren die Grenzen der Zustimmung
in anderen Punkten deutlich: Befragte in Großbritannien, Deutschland
und den USA pochen besonders klar auf die vollständige Souveränität
der Ukraine, während solche in Frankreich und Italien Einschränkungen
der ukrainischen Souveränität weniger entschieden ablehnen. Auch was
mögliche territoriale Zugeständnisse anbelangt, sind insbesondere
italienische Bürgerinnen und Bürger weniger kritisch eingestellt und
unterscheiden sich damit von den Bevölkerungen in den anderen vier
untersuchten Ländern.

„Die Studie zeigt zudem eine starke Polarisierung“, erklärt
Fabian Haggerty. „Je nach politischer bzw. weltanschaulicher
Einstellung liegen die Meinungen zur Ukraine-Unterstützung weit
auseinander.“ Diese Polarisierung verläuft jedoch nicht entlang
klassischer Links-Rechts-Linien, sondern entlang der Grundhaltungen
zum Westen: So hält etwa ein Viertel der Befragten mit stark
prowestlicher Einstellung selbst bei großen Risiken und Kosten an der
Unterstützung fest, während ein ähnlich großer Anteil an antiwestlich
(prorussisch) eingestellten Befragten dies skeptisch sieht.

Geteilte Meinung zu Panzern und Kampfflugzeugen

Besonders deutlich wird dieser Unterschied im Hinblick auf
konkrete Waffenhilfe. Zwar wird die Lieferung von Luftabwehrsystemen
an die Ukraine in allen Gruppen begrüßt, die grundsätzlich deren
Unterstützung befürworten; die Meinungen zu Panzern und
Kampfflugzeugen gehen aber weit auseinander. So verbindet die
prowestliche Gruppe damit etwa eine Verkürzung der Kriegsdauer, die
antiwestliche jedoch Risiken. Westliche Bodentruppen zu entsenden,
lehnen hingegen fast alle Befragten ab.

„Unsere Untersuchung belegt erstmals systematisch, wie westliche
Bevölkerungen komplexe Entscheidungen und mögliche Folgen in einem
hochpolitisierten Krieg abwägen“, erklärt Thurner. „Der deutliche
öffentliche Rückhalt für die Ukraine-Unterstützung einerseits sowie
die erkennbare Polarisierung und rote Linien der Unterstützung
innerhalb der westlichen Gesellschaft andererseits zeigen, dass
Regierungen humanitäre Risiken und Eskalationsgefahren sorgfältig
abwägen müssen. Nur so können sie die langfristige Unterstützung der
Wählerinnen und Wähler aufrechterhalten.“

Lehrstuhl für Empirische Politikforschung und Policy Analysis

https://www.gsi.uni-
muenchen.de/personen/professoren/thurner/index.html

Publikation:

Förderung